Weit mehr als nur ein duftendes Wahrzeichen
Sie säumen enge Gassen, stehen vor Kirchen und Spielplätzen und selbst manch
vielbefahrener, hektisch wirkender Hauptstraße wird in ihrer Gegenwart ein wenig
Ruhe und Schönheit verliehen. Kraftvoll leuchtend und frisch-fruchtig duftend sind sie
seit jeher nicht aus dem Stadtbild Valencias wegzudenken – die Bitterorangenbäume.
von Dominik Brütting
Geschichtlicher Hintergrund
Alles nimmt mit dem goldenen Zeitalter Al-Andalus (711 – 1492) seinen Lauf. Was
mit der Ankunft einer kleinen Gruppe um den Feldherrn Tāriq bin Ziyād in Gibraltar
begann und mit der Kapitulation des letzten Emirats von Granada endete, war eine
Epoche, die wie kaum eine zweite das kulturelle, gesellschaftliche sowie optische
Bild auf Teilen der iberischen Halbinsel prägte.
Und so verwundert es auch nicht, dass es die Mauren waren, die um das 13.
Jahrhundert die ersten Orangen nach Spanien brachten. Zu Beginn wurden
ausschließlich Bitterorangen kultiviert, die zwar nicht für den Verzehr geeignet waren,
aber deren Duft ihrer sternförmigen Blüten nach frischen Zitrusaromen und einem
vanilleähnlichen Hauch die Sinne betörte und sich so einer breiten Beliebtheit
erfreute.
Die arabischen Herrscher pflanzten die Bäume einst in ihren Schlössern und
prunkvollen Anwesen. Aus den Früchten und Blüten wurden Aufgüsse, Duftwasser,
Salben und Gewürze gewonnen, deren Zugang vorwiegend der gehobenen
Gesellschaft vorbehalten war. Nach und nach fanden die majestätisch anmutenden
Bäume schließlich Einzug in die Stadtzentren, wo sie noch heute zu finden sind.
Seit rund 500 Jahren, mit der Förderung süßer Früchte, rückte der Nutzen der
Bitterorangen weitestgehend in den Hintergrund. Doch mit Einsetzen der Blütezeit
verwandeln sie jede noch so trist erscheinende Straße in eine bunte, herrlich
duftende Allee und sorgen bei Einheimischen für etwas entspannte Heiterkeit im Sog
des Massentourismus, wenn mal wieder ein Urlauber, angezogen von den
verlockenden Gerüchen, herzhaft in eine abgeschälte Orange beißt und sie dann
schleunigst wieder ausspuckt.
Nicht zum Verzehr geeignet
„Guiris“ ist das Wort, mit dem sich die Menschen von Sevilla bis Valencia
krummlachen, sobald mal wieder ein Tourist in die bitter-saure Falle tappt. Denn das
Fruchtfleisch der Bitterorange ist mit vielen Kernen versetzt und schmeckt säuerlich,
die dicke weiße Schicht unterhalb der Schale ist äußerst bitter.
Heutzutage werden die Orangen von der Stadt abgeerntet. Zu aufwendig und zu
kostspielig war die Entsorgung der vom Baum gefallenen, überreifen und sich im
Fäulungsprozess befindlichen Pomeranzen, die zudem allerlei Fliegen und Insekten
anzogen.
Zu groß war die Verschwendung einer Frucht, die für viele Bereiche der Industrie von
Nutzen ist. Ob Bitterorangenmarmelade, Liköre, aromatische Öle oder
Reinigungsmittel, von der Blüte bis zum Fruchtfleisch wird für jedes Bestandteil
Verwendung gefunden.
Doch bis es so weit ist, verwandeln sie Valencia in die Stadt der Orangen und
spätestens mit Beginn des neuen Jahres, wenn die Reyes Magos am Hafen anlegen
und ihre Geschenke unter den Kindern verteilen, findet die Bitterorange auch wieder
Einzug in die Kulinarik der Familien. Nämlich dann, wenn ein kleiner Schuss Agua de
Azahar, Orangenblütenwasser, in jedem Roscón de Reyes verarbeitet wird.

