„Wir bauen Brücken, keine Mauern!“

Text Katharina Heilmann

Katharina Heilmann studiert im Masterstudiengang „Internationale Migration und interkulturelle Beziehungen“ an der Universität Osnabrück und absolvierte im Zeitraum Oktober 2019-März 2020 ein studienbegleitendes Praktikum bei Valencia Acull.

Als Praktikantin in Valencia: Einblicke in Migrationssozialarbeit

„Wir bauen Brücken, keine Mauern“ (“Construyamos Puentes, No Muros”) lautet das Leitprinzip der gemeinnützigen Organisation „Valencia Acull“ (bzw. im spanischen: Valencia Acoge), die seit 1989 in Valencia tätig ist. ‚Brücken bauen‘ – das bezieht sich auf den Austausch von Menschen und das gemeinsame Zusammenleben, ganz unabhängig von deren sozialen, kulturellen oder finanziellen Hintergründen.

“Construyamos Puentes, No Muros”

Allerdings liegt der Fokus der Organisation vor allem auf Menschen mit Migrationshintergrund, die aktiv in das Leben in den Stadtteilen Valencias eingebunden werden sollen. Doch wie sieht die Arbeit von Valencia Acull aus? Und warum ist sie notwendig? Als deutsche Praktikantin bei Valencia Acull hatte ich Gelegenheit diesen Fragen ein Stück weit nachzugehen.

Migration in Spanien – ein Kurzüberblick

Aber zunächst kurz zum Hintergrund: Die Zahl an ausländischen StaatsbürgerInnen, die legal in Spanien leben, beträgt derzeit in etwa 10,3% [1]. Damit liegt der Ausländeranteil, gemessen an der Gesamtbevölkerung in Spanien, im europaweiten Vergleich im unteren Drittel [2]. Der Großteil der in Spanien lebenden AusländerInnen kommen aus Marokko, Rumänien, Kolumbien und Ecuador.

Migration wird schnell mit Armut, Kriminalität oder „Flüchtlingsströmen“ verknüpft. Allerdings muss auch festgehalten werden, dass nicht alle, der sich in Spanien befindenden AusländerInnen per se in schwierigen Situationen leben oder aus armen Ländern kommen: Zu den Menschen mit nicht-spanischer Nationalität gehören Berufsgruppen wie z.B. Wissenschaftler, Wirtschaftsvertreter oder freiberuflich Tätige aus Europa oder Nord-Amerika oder auch Bevölkerungsgruppen wie RenterInnen. Sie alle sind zwar AusländerInnen, werden aber meist nicht als „typische“ MigrantInnen bezeichnet.

Wer allerdings vor allem als „MigrantIn“ auffällt, sind Menschen aus dem Ausland, die in schwierigen Verhältnissen leben oder beispielsweise im Niedriglohnsektor tätig sind. Viele von ihnen sind den Risiken von schlechten Wohnverhältnissen oder Einkommensverlust bis hin zu völliger Verarmung ungeschützt ausgeliefert. Aber auch hier hält sich hartnäckig ein Trugschluss: Viele der häufig vorschnell als „illegale Armutsmigranten“ bezeichneten Menschen wurden ganz offiziell und gezielt als Arbeitskräfte für den spanischen Niedriglohnsektor angeworben: Sie erhalten, basierend auf bilateralen Verträgen mit der EU, auf legalem Weg befristete Arbeitsvisa und arbeiten meist in Branchen, wie z. B. im landwirtschaftlichen Sektor, in denen nur selten EU-Bürger tätig sein wollen – zumindest nicht zur gegebenen Entlohnung.

„Dret a migrar” – Das Recht auf Migration

Viele der MigrantInnen aus sozial – oder ökonomisch schwachen Verhältnissen sind gezwungen, beinahe jede sich bietende Tätigkeit anzunehmen – trotz häufig unregelmäßiger und überdurchschnittlich langer Arbeitszeiten oder schlechter Bezahlung: Letztlich ist eine schlecht bezahlte Tätigkeit in der Landwirtschaft oder die (häufig unsichtbare)‚Schwarzarbeit‘ z.B. als „Hausmädchen“ oder „Altenpflegerin“ aus der Not geboren, um überhaupt zu überleben. Die Chance sich selbst auch in der Gesellschaft integrieren zu können ist meist gering, weil viele keine sozialen Netzwerke haben, ihnen Wissen über eigene Rechte fehlt oder sie Angst haben, als „Illegale“ entdeckt zu werden.

Die Hoffnung auf einen sozialen Aufstieg oder soziale Anerkennung bleibt also vielen dieser Menschen verwehrt. Doch gerade hier entstehen gesellschaftliche Schieflagen: Es entstehen zwangsläufig ethnisch wie sozial definierte Unter- oder Außenseiterklassen, die als „die anderen“ oder „die Migranten“ bezeichnet werden. Dabei liegt es in erster Linie nicht an den MigrantInnen selbst, sich nicht ‚integrieren zu wollen‘ oder nichts an ihrer Situation verbessern zu können. Es sind vor allem die Strukturen der Mehrheitsgesellschaft, wie z.B. (unwissentliche) Vorurteile, Ignoranz oder Gedankenlosigkeit, die zu Benachteiligung und Ausgrenzung in Gesellschaften führen.

Gerade an dieser Schieflage setzt nun die Organisation „Valencia Acull“ an, die ihren Hauptsitz in Stadtteilen Orriols und Torrefiel hat. Mit der Grundhaltung „Migrar es un derecho, no es un delito” – „Migration ist ein Recht und kein Delikt“ arbeiten die Mitarbeitenden daran, sozialstrukturelle Benachteiligungen in der Gesellschaft abzubauen. Denn, so die Überzeugung, nicht die Herkunft oder das Aussehen, nicht die Tatsache ob Migrant oder Nicht- Migrant, sondern vor allem die erlebte Diskriminierung oder Benachteiligung beeinflusst letztlich die gesellschaftliche Ausgrenzung von Menschen.

Verständnis und Solidarität als Leitprinzipen

Das Angebotsspektrum der Organisation, die Mitglied des spanienweiten Dachverbandes „Red Acoge“ [3] ist, ist breit gefächert: Neben kostenlosen psychologischen, sozialen und rechtlichen Beratungsmöglichkeiten, Sprachkursen, Theater- und Kunstworkshops oder Unterstützung bei Wohnungs- und Arbeitsvermittlung steht allem voran die Förderung des interkulturellen Dialogs im Zentrum: Anti-Diskriminierungs-Workshops in Schulen oder Universitäten, Filmabende in Stadtvierteln, Benefizveranstaltungen (wie bspw. Konzerte mit lokalen Künstlern aus Valencia wie Pep Gimeno „Botifarra“ und anderen) oder interkulturelle Wochen sind Aktivitäten, zu denen die interessierte Öffentlichkeit Valencias herzlich eingeladen ist.

Bei Valencia Acull geht es also vor allem darum, den Austausch zwischen Menschen zu fördern und Menschen aller Gesellschaftsschichten über Benachteiligung und Privilegien zu sensibilisieren. Gesellschaftlicher Ausgrenzung kann nur dann begegnet werden, wenn wir alle – unabhängig unserer Herkunft, finanziellen Situation oder Aussehen – für eine gerechtere Welt eintreten: So stehen Aktivitäten von Valencia Acull letztlich für die Solidarität mit Menschen, deren Alltag von rechtlichen, sozialen und ökonomischen Einschränkungen begrenzt wird – deren Arbeit wiederum etwa in der häuslichen Pflege oder auf den Obstfeldern zugleich wichtige Bestandteile unseres westlichen Wohlstandes sind. In erster Linie geht aber um die Solidarität gegenüber der Würde des Mensch-Seins als solchem – eine Haltung die in allen Gesellschaften, allen Schichten und allen Regionen der Welt Grundlage für ein friedliches Zusammenleben ist – denn, so lautet der Leitspruch Valencia Aculls: „Ningún ser humano es ilegal” – Kein Mensch ist illegal.

Wer sich mehr über die Organisation oder deren Aktivitäten und Termine informieren möchte, kann dies gerne auf facebook oder dem Blog tun.


(Quelle Titelbild: https://www.facebook.com/pg/valenciaacoge1/photos/?ref=page_internal)