Wenn Lernen zur Herausforderung wird – und wie Kinder wieder Vertrauen in sich selbst gewinnen
Nicht jedes Kind lernt gleich – und genau darin liegt oft die größte Herausforderung. Wenn Lesen, Schreiben oder Rechnen plötzlich zum täglichen Frust werden, leidet nicht nur die schulische Leistung, sondern auch das Selbstbewusstsein. Für viele Familien beginnt dann eine Phase voller Fragen: Woran liegt es? Wie kann man helfen? Und vor allem – wie kann Lernen wieder Freude machen?
In Valencia begleitet Maxi Aissat Kinder individuell auf ihrem Weg zurück zu mehr Sicherheit, Motivation und Lernerfolg. In diesem Interview sprechen wir mit ihr über typische Lernschwierigkeiten, wie früh man handeln sollte und warum es so wichtig ist, Kinder ganzheitlich zu betrachten – weit über Schulnoten hinaus.
Was zeichnet dich und deine Arbeit aus und wie unterstützt du Kinder dabei, schulische Herausforderungen nachhaltig zu meistern?
In meiner Arbeit sind mir vier Dinge besonders wichtig: Ganzheitlichkeit, Individualität, ein praktischer und spielerischer Zugang zum Lernen und ganz viel Herz.
Ganzheitlich bedeutet für mich, dass ich nicht nur auf die Lernschwierigkeiten schaue, sondern auf das Kind als ganzen Menschen. Jedes Kind bringt eigene Stärken, Interessen und Erfahrungen mit. In der Lerntherapie geht es deshalb nicht nur darum, Lesen, Schreiben oder Rechnen zu üben. Mir ist wichtig, Kinder in ihrer Entwicklung zu stärken und ihnen Strategien mitzugeben, mit denen sie auch langfristig mit ihren Lernherausforderungen umgehen können, zum Beispiel mit einer Legasthenie oder Rechenschwäche.
Individuell heißt für mich, dass jedes Kind anders lernt. Lernschwierigkeiten können ganz unterschiedliche Ursachen haben und zeigen sich bei jedem Kind auf eine andere Weise. Deshalb arbeite ich nicht nach einem festen Schema. Ich schaue genau hin: Wo steht das Kind gerade? Wo sind die persönlichen Stolpersteine? Und vor allem: Welche Stärken bringt es mit? Genau dort setze ich an.
Ein ganz wichtiger Teil meiner Arbeit ist die Beziehung. Lernen gelingt nur, wenn sich ein Kind gesehen, verstanden und ernst genommen fühlt. Deshalb ist es mir wichtig, zuerst eine vertrauensvolle Verbindung aufzubauen. Mit Empathie, Geduld und echtem Interesse an der Situation des Kindes entsteht eine Atmosphäre, in der Lernen wieder möglich wird.
Und schließlich spielt auch das Spielerische eine große Rolle. Kinder lernen am besten, wenn sie aktiv beteiligt sind und Freude am Lernen haben. Deshalb arbeite ich viel mit praktischen Übungen, Spielen und unterschiedlichen Materialien. So entstehen Lernsituationen, in denen Kinder neugierig bleiben, motiviert mitmachen und Schritt für Schritt wieder Vertrauen in ihr eigenes Können entwickeln.
Welche Förderschwerpunkte bietest du an?

In meiner Lerntherapie begleite ich Kinder mit ganz unterschiedlichen Lernherausforderungen. Dazu gehören allgemeine Lernschwierigkeiten, Konzentrationsprobleme oder auch emotionale Blockaden, die das Lernen erschweren. Ein großer Schwerpunkt meiner Arbeit liegt außerdem auf Kindern, die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben oder beim Rechnen haben.
Dabei ist für mich nicht entscheidend, ob bereits eine offizielle Diagnose vorliegt. Manche Kinder haben eine Lese-Rechtschreib-Schwäche, bei anderen wurde eine Legasthenie festgestellt. Ähnlich ist es beim Rechnen: Es kann sich um eine Rechenschwäche handeln oder um eine Dyskalkulie. Wichtig ist vor allem, genau hinzuschauen und herauszufinden, wo ein Kind gerade Unterstützung braucht.
In letzter Zeit kommen auch immer häufiger sehr junge Kinder zu mir. Dann geht es vor allem um die Förderung der sogenannten Vorläuferfertigkeiten, also grundlegende Fähigkeiten, die eine wichtige Basis für das spätere Lesen, Schreiben und Rechnen bilden.
Generell arbeite ich mit Kindern von der ersten Klasse bis zur Oberstufe, also bis etwa zur 12. Klasse. Die Themen können dabei sehr unterschiedlich sein.
Langfristig profitieren Kinder vor allem davon, dass es in der Lerntherapie nicht nur um einzelne schulische Symptome geht. Mir ist wichtig, Kinder so zu begleiten, dass sie verstehen, wie sie lernen können und welche Strategien ihnen helfen. Dazu gehören zum Beispiel auch Lernstrategien, aber ebenso Fähigkeiten wie Arbeitsorganisation, Prioritäten zu setzen oder den eigenen Lernprozess besser zu strukturieren.
Wenn zum Beispiel eine Legasthenie oder Dyskalkulie vorliegt, verschwinden die Schwierigkeiten meist nicht vollständig. Umso wichtiger ist es, dass Kinder lernen, damit umzugehen und Wege zu finden, die ihnen im Alltag helfen.
Die Lerntherapie soll Kinder deshalb nicht abhängig machen, sondern sie stärken. Auch wenn die Begleitung oft über einen längeren Zeitraum stattfindet, geht es immer um Hilfe zur Selbsthilfe, damit Kinder langfristig sicherer, selbstständiger und zuversichtlicher mit ihren Lernherausforderungen umgehen können.
Wie läuft eine typische Sitzung bei dir ab und welche Methoden setzt du ein, um Kinder gezielt zu fördern?

Eine Lerntherapie-Stunde beginnt bei mir immer erst einmal mit dem Ankommen. Die Kinder erzählen, wie es ihnen geht und was sie gerade beschäftigt. Manchmal nutze ich dafür kleine Materialien oder Skalen, mit denen sie selbst einschätzen können, wie ihre Motivation oder Konzentration gerade ist. Mir ist auch wichtig zu schauen, ob grundlegende Bedürfnisse erfüllt sind, zum Beispiel, ob das Kind etwas gegessen oder getrunken hat. Solche Dinge haben einen großen Einfluss darauf, ob Lernen überhaupt gut gelingen kann. Auch Gefühle oder mögliche Ablenkungen dürfen benannt werden, damit eine gute Lernatmosphäre entstehen kann.
Je nach Situation beginne ich eine Stunde auch mit einer kurzen Entspannungs- oder Regulierungsübung. Manchmal baue ich zwischendurch auch kleine Atemübungen oder Bewegungseinheiten ein. Dabei orientiere ich mich immer an den Bedürfnissen des Kindes und daran, was ihm in dem Moment helfen kann, wieder konzentriert und ruhig arbeiten zu können.
Am Anfang einer Förderung steht immer eine Lernstandsanalyse. Dabei schaue ich mir genau an, wo das Kind gerade steht: Was kann es schon gut? Wo beginnen die Schwierigkeiten? Auf dieser Grundlage erstelle ich einen individuellen Förderplan. Die einzelnen Lerntherapie-Stunden bauen dann auf diesen Förderzielen auf.
Nach dem Ankommen arbeiten wir gezielt an den jeweiligen Förderschwerpunkten. Dabei nutze ich viele unterschiedliche Materialien, Übungen und Lernspiele, damit die Stunde abwechslungsreich bleibt und die Kinder aktiv beteiligt sind. Wichtig ist mir, immer genau dort anzusetzen, wo das Kind gerade steht. Die Aufgaben sollen fordern, aber nicht überfordern, so bleibt die Motivation erhalten.
Ein zentraler Teil meiner Arbeit ist außerdem eine wertschätzende Haltung gegenüber den Kindern. Ich begegne ihnen auf Augenhöhe und achte darauf, ihre Anstrengungen und Fortschritte bewusst wahrzunehmen.
Wenn am Ende noch Zeit bleibt, schließen wir die Stunde oft mit einem kleinen Spiel ab. Das rundet die Stunde ab und sorgt dafür, dass die Kinder mit einem guten Gefühl aus der Lerntherapie gehen.
Welche Bedeutung haben individuelle Diagnostik und persönliche Förderpläne?
Die individuelle Diagnostik hat in meiner Lerntherapie einen sehr hohen Stellenwert. Die Lernstandsanalyse zeigt mir sehr genau, wo ein Kind gerade steht und welche Grundlagen bereits vorhanden sind und wo noch Lücken bestehen.
Man kann sich das gut wie ein Haus vorstellen, zum Beispiel ein „Mathehaus“. Bevor man weitere Stockwerke bauen kann, muss das Fundament stabil sein. Wenn grundlegende Fähigkeiten fehlen, wird es schwierig, darauf weiter aufzubauen. Genau so ist es beim Rechnen, aber auch beim Lesen und Schreiben.
Deshalb beginne ich jede Förderung mit einer individuellen Lernstandsanalyse. Dabei schaue ich mir verschiedene Kompetenzen genauer an, je nachdem, wo der Förderschwerpunkt liegt. Das können Fähigkeiten im Lesen, Schreiben oder Rechnen sein, aber auch andere Bereiche, die für das Lernen wichtig sind. Dazu gehören zum Beispiel auditive und visuelle Wahrnehmung, Konzentration, Grafomotorik, Körperschema oder Raumorientierung.
Aus diesen Beobachtungen entstehen dann konkrete Förderziele und ein persönlicher Förderplan für das Kind.
Diese individuelle Herangehensweise ist wichtig, weil Förderung nur dann wirklich wirksam ist, wenn sie genau dort ansetzt, wo das Kind gerade steht. Die Aufgaben dürfen weder überfordern noch unterfordern. Sie sollen herausfordern, aber gleichzeitig machbar bleiben.
Ein weiterer wichtiger Punkt sind Erfolgserlebnisse. Viele Kinder, die zu mir kommen, haben in der Schule bereits viele Misserfolge erlebt. In der Lerntherapie ist es deshalb wichtig, Fortschritte bewusst sichtbar zu machen. Wenn Kinder merken, dass sie Aufgaben bewältigen können und ihre eigenen Fähigkeiten wachsen, stärkt das ihre Motivation und ihr Vertrauen in die eigene Wirksamkeit.
Mir ist außerdem wichtig, den Förderprozess transparent zu gestalten sowohl für die Kinder als auch für die Eltern. Die Förderpläne übersetze ich deshalb oft in konkrete Lernziele, die für das Kind verständlich sind. Je nach Alter erkläre ich den Kindern, woran wir gerade arbeiten und warum wir bestimmte Übungen machen. Wenn Kinder verstehen, was das Ziel ist, können sie viel aktiver am eigenen Lernprozess teilnehmen.
Wie unterstützt du Eltern dabei, ihr Kind im Alltag besser zu begleiten, und was sind die häufigsten Tipps?
Ein wichtiger Teil meiner Arbeit ist auch die Begleitung der Eltern. Mir ist wichtig, dass sie immer gut informiert sind und verstehen, woran wir in der Lerntherapie arbeiten. Deshalb erhalten sie von mir die Ergebnisse der Lernstandsanalyse und den Förderplan. Außerdem gebe ich regelmäßig Rückmeldungen darüber, wo wir gerade stehen und welche Fortschritte das Kind macht.
Der Austausch mit den Eltern spielt für mich eine große Rolle. Eltern kennen ihr Kind schließlich am besten und sind in vielen Situationen die eigentlichen Experten für ihr eigenes Kind. Deshalb ist mir eine offene und vertrauensvolle Zusammenarbeit wichtig. Eltern teilen mit mir ihre Beobachtungen aus dem Alltag, und ich gebe meine Eindrücke aus der Lerntherapie weiter. Dieser gegenseitige Austausch hilft oft sehr dabei, den Lernstand und auch Lernfortschritte besser einzuordnen.
Viele Eltern nutzen auch aktiv die Möglichkeit, sich bei mir beraten zu lassen. Dabei geht es oft um ganz konkrete Fragen aus dem Alltag: Wie kann ich mein Kind beim Lernen sinnvoll unterstützen? Wie können wir Hausaufgabensituationen entspannter gestalten? Welche Übungen sind hilfreich?
Häufig gebe ich auch Materialien, die wir in der Lerntherapie verwenden, für zu Hause mit. So können bestimmte Inhalte in kleinen Schritten weiter geübt werden.
Neben den praktischen Strategien spielt auch die emotionale Seite eine große Rolle. Für viele Eltern ist es sehr belastend zu sehen, dass ihr Kind in der Schule Schwierigkeiten hat. In Gesprächen geht es deshalb oft auch darum, sie in dieser Situation zu begleiten und zu stärken.
Wenn es sinnvoll ist, stehe ich außerdem im Austausch mit Lehrkräften, damit Lerntherapie und Schule gut aufeinander abgestimmt sind. Bei Bedarf spreche ich auch Empfehlungen aus, zum Beispiel zu möglichen Nachteilsausgleichen, Notenschutz oder anderen Maßnahmen, die das Lernen für das Kind erleichtern können.
Was konkrete Tipps für den häuslichen Lernprozess betrifft, gibt es aus meiner Sicht keine allgemeingültige Lösung. Lernen ist etwas sehr Individuelles. Deshalb ist es oft hilfreich, gemeinsam auszuprobieren, wann und wie Lernen für ein Kind am besten funktioniert.
Ein paar grundlegende Gedanken gebe ich Eltern jedoch häufiger mit auf den Weg: Es kann hilfreich sein, den Druck aus der Situation herauszunehmen, auch wenn das im Alltag nicht immer leicht ist. Wenn der Leistungsdruck sehr hoch ist, überträgt sich dieser oft auch auf das Kind. Eine entspanntere Atmosphäre kann dagegen dazu beitragen, dass Lernen wieder leichter fällt.
Außerdem ermutige ich Eltern dazu, ihr Kind in seiner Eigenverantwortung zu stärken und gemeinsam zu beobachten, was im Lernprozess gut funktioniert und was weniger. Oft entsteht so Schritt für Schritt ein Weg, der besser zum Kind passt als starre Erwartungen oder feste Regeln.

Maxi Aissat
Lern&Praxis Lerntherapie
Online & Offline
Mail: lernpraxisonline@gmail.com
Insta: lernpraxis.welt Website: https://maxi-aissat.com/
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